Moden-Spiegel – Eine Beilage. Hommage à Lieselotte Friedländer

Stefanie Endlich
 

Rede zur Eröffnung der Vitrinen-Installation von Atalya Laufer

Für ihre Vitrinen-Installation hat Atalya Laufer Modezeichnungen von Lieselotte Friedlaender auf filigrane Weise bearbeitet. Damit hat sie eine Hommage für die Künstlerin geschaffen, die in den Jahren der Weimarer Republik auch als Pressezeichnerin, Malerin und Grafikerin hervortrat und zu einer der bekanntesten Modezeichnerinnen wurde. Nach den Nürnberger Rasse- gesetzen von 1935 galt Liselotte Friedlaender als so genannter „Mischling zweiten Grades“. Ihr Lebensweg zeigt, wie weit die nationalsozialistische Ver- folgung und Zerstörung von beruflichen Karrieren ging und in welcher Weise Zeitungsverlage und Redaktionen an den Ausgrenzungen beteiligt waren.

Atalya Laufer hat Zeichnungen von Lieselotte Friedlaender direkt auf die gläsernen Wände der Vitrine aufgetragen und mit eigenen, teils heftig bewegten Linien überlagert, verdichtet und verfremdet. Sie hat die ursprünglichen Motive variiert, verändert, verwandelt, zum Beispiel in ein rätselhaftes, feines Gespinst oder in eine Szenerie mit kritisch-realistischen Anklängen und schwungvoll-expressiven Strichen. So entstehen Darstellungen eines imaginären Großstadtlebens: Ihre innere Dynamik lässt jene vibrierende Stimmung anklingen, die uns Kunstwerke der 1920er Jahre vom damaligen Berlin vermitteln – nicht nur der bildenden Kunst, auch der Literatur und anderer Sparten.

Betrachtet man das durch diese Bearbeitung entstandene Schwarzweiß-Bild auf der gläsernen Vitrine, so hat man immer auch das heutige farbenfrohe Treiben auf Gehweg und Straße im Blick. Je nach Fokussierung dient die Vergangenheit als Folie für die Gegenwart oder umgekehrt. Die verflochtenen Linien lassen an die Vielfalt des Lebens auf dem Kurfürstendamm denken und können zugleich als Sinnbild für dessen Zerstörung gedeutet werden. In der Vitrinen-Installation für Liselotte Friedlaender sind Grundlinien der Arbeitsweise von Atalya Laufer zu erkennen, die wir auch in ihren anderen Werken finden.

Zum einen wird ihr besonderer zeichnerischer skripturaler Zugriff deutlich, der ein dichtes Geflecht von geheimnisvoll verschlungenen Linien und Formen entstehen lässt. Übereinander und ineinander geschoben, deuten sie räumliche Tiefe an. Ein aufschlussreiches Beispiel für diese Form der Darstellung ist auch ihre Collage „Shomeret“ für das Jüdische Museum Berlin im Jahr 2013, deren Titel man mit „Wächterin“ oder „Hüterin“ übersetzen könnte, eine künstlerische Reminiszenz an das Aufzeichnungs-Büchlein jener Frauen aus Atalya Laufers Heimat-Kibbuz Hazorea bei Haifa, die im kommunalen Kinderhaus wechselnden Nachtdienst leisteten.

Außerdem arbeitet die Künstlerin hier wie bei vielen anderen Projekten mit Dokumenten und Texten, mit Biografien und Aufzeichnungen aus dem Alltag. Aneignung, Transformation und Neuschöpfung vollziehen sich durch verändernde Eingriffe in das historisch überlieferte Material, durch Collage, Montage und zeichnerische Verdichtung. So verwandelte sie zum Beispiel die Autobiografie von Fanny Lewald, eine Mitte des 19. Jahrhunderts bekannte, heute weitgehend vergessene Schriftstellerin, vermutlich eine Verwandte ihrer Vorfahren, in eine – wie Atalya Laufer schreibt – „andere und neue Geschichte: Meine Geschichte“.

Das dritte charakteristische Moment ihrer Arbeitsweise ist der Umgang mit dem Spannungsfeld von einst und jetzt. In ihrer Installation für Lieselotte Friedlaender wird es besonders deutlich und bringt das Anliegen des gesamten Vitrinen-Projektes auf persönliche Weise zum Ausdruck. In Atalya Laufers Projekten und Erinnerungs-Räumen sind Vergangenheit und Gegen- wart gleichermaßen präsent. Die verschiedenen Zeit-Etappen sind auf asso- ziative Weise miteinander verschränkt. Die Fragen, welche die Künstlerin um- treiben, werden an die Betrachter weitergegeben.

Prof. Dr. Stefanie Endlich ist Publizistin und Honorarprofessorin am Institut für Kunst im Kontext der Universität de Künste Berlin